Eines Tages, so erzählte er, als ich auf dem Land spazieren ging, dachte ich an eine bildschönen Frau,
die ich seit einer Woche täglich sah und die bei der ersten Begegnung meine grösste Bewunderung erregt hatte,
die mich beim zweiten mal wesentlich kühler ließ und die ich dann völlig gleichgültig betrachtete, obwohl ich sie
immer noch so schön fand und sie es tatsächlich auch war. Und ich fragte mich, wieso diese Bewundernswerte Schönheit
für mich so reizlos geworden war, ja wieso die Schönheit ganz allgemein keine Gefühle von bleibender Dauer einflösst.
Ich suchte also nach einer Antwort auf diese Frage, als ich bemerkte. daß ich mich zwischen zwei Gärten befand,
deren einer mir prächtig erschien, der andere heiter.Die Tore der beiden Gärten lagen einander gegenüber.
Auf dem Tor zum prächtigen Garten las man in goldenen Buchstaben: WOHNSTÄTTE DER SCHÖNHEIT.
Auf dem Tor zum
heiteren Garten stand in Buchstaben aus einer unbestimmten Farbe, in der alle möglichen Farben sich vermischt
haben:
WOHNSTÄTTE DES GEWISSEN ETWAS.
Die Wohnstätte der Schönheit sagte ich mir zunächst, oh!, die will ich sehen,
denn wer von Schönheit redet, redet von etwas viel Beachtenswerterem als dem gewissen etwas.
So das ich,
angezogen von der Kraft des Wortes, nicht zögerte, den Garten der Schönheit den Vorzug zu geben und mich an dem
des Gewissen Etwas erst später zu erfreuen.
Doch obwohl ich mich zugunsten des ersteren entschlossen hatte,warf
ich noch einen Blick auf den anderen, der mir so heiter erschien,und ich wünschte, es wäre möglich, beide
gleichzeitig zu betrachten; doch offensichtlich waren sie nicht miteinander vergleichbar, man musste mit dem
sehenswürdigeren beginnen, und das tat ich.
Als ich den Garten der Schönheit betrat, sah ich die Fussspuren von
mehreren Leuten, die hier ebenfalls reingekommen waren, aber auch von ebensovielen, die ihn verlassen hatten.
Ich drang tiefer ein, und je mehr ich entdeckte, desto mehr bewunderte ich.
Ich beschreibe Ihnen nicht, was ich
alles an Schönheit sah; das ginge über meine Möglichkeiten; ich war tief beeindruckt und ich staunte. Stellen sie
sich vor, was es Grossartiges, Prächtiges, Wunderbares in einem Garten geben kann; alles. wozu die genauste
Symetrie, die geschickteste Anordnung an Überraschungen fähig ist, und sie sehen noch immer noch nicht das,
was ich sah.
Und wie soll ich ihnen den Palast schildern, den ich entdeckte, nachdem ich eine Weile gagangen
war? ich muss darauf verzichten.
Wenn ich Erzählungen schriebe, würde ich die Personern schildern, die darin
auf einer Art Thron sitzen sah und um die mehrere Männer standen, die, wie sie mir sagten, nur eine Stunde früher
gekommen waren als ich; sie schienen alle reglos und wie in Extase erstarrt im Anblick dieser Frau auf dem Thron.
Urteilen Sie selbst, ob sie unrecht hatten: es war die Schönheit in eigener Person, die von Zeit zu Zeit Auf
jeden vin ihnen, wie auch auf mich, einen nachlässigen Blick warf, der uns alle ausrufen ließ: "Oh, die schönen
Augen! und gleich darauf; oh, der schöne Mund! oh, das schön geformte Gesicht! oh, die schöne Figur!
Bei diesen
Ausrufen senkte die Schönheit lächelnd und eher bescheiden als verlegen ein wenig die Augen; und wortlos begann sie
erneut, uns alle anzusehen, als wolle sie uns in unserer Bewunderung bestärken, und zwischendrin richtete sie hin
und wieder hoheitsvoll ihren Kopf auf, als wolle sie sagen: laßt es euch an eurer Bewunderung nicht an Achtung
fehlen.
In der ersten Viertelsunde vergaßen wir über dem Vergügen. ihres Anblicks völlig ihr Schweigen;
endlich bemerkte ich es, und die anderen ebenfalls.
Wie! sagen wir uns alle, nicghts als Lächeln und
Kopfbewegungen, und kein einziges Wort? das genügte uns nicht.Sollen sie nur eure Augen erfreuen? leben wir nur
von dem Vergnügen des Sehens?
Währendessen näherte sich einer von uns und bot ihr eine Frucht an, die er im
Garten geplückt hatte; sie nahm sie, immer noch lächelnd, mit der schönsten Hand entgegen, die man sich vorstellen
kann, doch phne den Mund zu öffnen; sie dankte lediglich mit einer Kopfbewegung;; wir mussten uns darauf
beschränken, sie zu betrachten.
Ganz offenkundig wurde jeder von uns dessen müde, denn nach und nach
verkleinerte sich unsere Gesellschaft; ich sah, wie sich meine Gefährten davonstahlen; bald war ich von allen
Bewunderern, die mit mir zusammen gestanden hatten, als einziger übrig, und ich zog mich ebenfalls zurück.
Als ich auf meinem Rückweg eine Allee durchschritt, begegnete ich einer Frau, die unendlich stolz erschien und
vor der ich im Vorbeigehen eine tiefe Verbeugung machte.
Wohin willst du? fragte sie mich´unwirsch und
herablassend, Ich habe eben die Schönheit bewundert, antworteteich, und gehe jetzt wieder. Wieso gehst du?
fragte sie. Hat die Schönheit dich nicht zurückgehalten? was bleibt Dir noch zu sehen übrig, nachdem du sie
gesehen hast?
Wahrscheinlich nichts mehr, erwiderte ich, aber ich habe sie zur Genüge gesehen; ich kenne
ihre Züge auswendig, sie bleiben immer gleich: es ist immer ein schönes Gesicht, das sich nicht verändert,
daß dem Geist nichts zu sagen hat, sondern nur den Augen spricht, und ihnen immer dasselbe sagt; daher erfahre
ich von ihm nichts Neues. Wenn die Schönheit sich ein wenig mit ihren Bewunderern unterhielte, wenn ihre Seele
dich ein wenig in ihrem Gesicht zeigte, wäre dieses Gesicht weniger einförmig und dafür ergreifender; es würde
dem Herzen u nd den Augen gefallen; aber so sieht man nur, daß es schön ist, und fühlt es nicht. Die Schönheit
müsste sich die Mühe machen zu reden und ihren Geist zu zeigen; denn ich glaube nicht, das es ihr daran fehlt.
Ach, was macht das denn, ob sie welchen hat oder nicht? entgegnete mir daraufhin die Frau, braucht sie etwa
welchen bei ihrem Aussehen? Geh, du verstehst nichts davon, ginge es um ein gewöhnliches Gesicht, so wäre ich
deiner Meinung; da wäre es von Vorteil, wenn der Geist es belebte, das täte ihm sehr gut und ersetzte die
fehlende Anmut. Aber wenn du verlangst, der Geist solle sich in einem schönen Gesicht zeigen, so bedeutet das
die Zerstörung seiner Reinze; der Geist kann ungeformten Zügen etwas hinzufügen, doch dem vollkommenen schadet
er nur. Und ein schönes Gesicht ist so vollendet, wie es überhaupt nur möglich ist: es kann nichts besseres tun,
als zu bleiben qwie es ist. Die Regungen des Geistes würden nur seine Anordnung stören; , den sie ist genau
richtig und könnte nur zu ihrem Schaden verändert werden. Du urteilst also ohne Verstand, laß Dir das von mir
sagen: ich bin der unerschütterliche Stolz der schönen Menschen und die untrennbare Gesellschafterin der
Schönheit, die sehr daraufhin achtet,d aß ihr Geist ruhig und kühl bleibt, damirt er ihr Gesicht in Frieden
lässt und nicht seinem edlem Anstand mindert.
Glücklicherweise ist es nicht sehr schwierig, den Geist der
Schönheit zur Mässigkeit anzuhalten; er ist im Allgemeine von selbst sehr gelassen, oder zumindest weiss er sehr
gut, wie wichtig es ist, daß er zurückhaltend bleibt und keine Unordnung auf dem schönen Gesicht anrichtet: er
achtet dessen Vorzüge viel zu sehr, als daß er an seine eigenen dächte.
Diese Rede erschien mir so seltsam,
daß ich der Frau nur mit einer Verbeugung antwortete und weiterging, um rasch zu der Wohnstätte des Gewissen
Etwas zu kommen, wo ich alle diejenigen traf, die mich bei der Schönheit verlassen hatten.
An dieser Stelle gab es nichts Auffälliges und, was noch mehr ist, nichts Hergerichtetes; alles war hier wie
vom Zufall zertreut, es herschte sogar eine gewisse Unordnung, doch eine Unordnung von sehr gutem Geschmack,
die entzückend wirkte und deren Ursache man hätte weder erkennen noch nachweisen können.Kurz, wir hatten hier
keine Wünsche, und doch war nichts vollendet oder war nicht alles so, wie man es haben wollte, denn ständig sahen
wir, wie etwas neues hinzugefügt wurde.Und obwohl es in der Sage nur drei Grazien gibt, gab es dort eine
unendlicvhe Menge; sie huschten umher, legten überall Hand an und verbesserten sich ständig; ich sage sie huschten
umher, denn sie kamen und sie gingen ohne Unterlaß, liefen vorbei folgten rasch aufeinander, ohne uns Zeit zu
lassen, sie richtig zu erkennen; jetzt waren sie hier, doch kaum hatte man sie entdeckt, waren sie schon wieder
verschwunden und man sah anderen an ihrer Stelle, die ihrerseits verschwanden, um widerrum anderen Platz zu machen.
Kurz, sie waren überall, ohnen sich irgendwo aufzuhalten; es war niemals eine, sondern stets tausend, die man sah.
Ach Messieurs, sagte ich zu meinen Begleitern, ich finde diesen Ort entzückend, ich könnte mein ganzes Leben
hier verbringen; doch wo ist sein Bewohner, das
GEWISSE ETWAS?
führen sie mich bitte zu ihm,
Sie haben es sicher
schon gesehen.
Durchaus nicht, antworteten sie, wir suchen es, seit wir hier sind, ohne es jedoch zu finden;
allerdings suchen wir es auf höchst angenehme Art und Weise, denn trotz unserer grossen Lust, es zu sehen, sind wir
keineswegs verärgert, daß uns das nicht gelungen ist; und auch wenn wir es niemals finden, sind wir entschlossen,
es weiter zu suchen.
Esmuss aber hier sein, entgegnete ich; und kaum hatte ich diese Worte ausgesprochen, als wir
eine Stimme agen hörten:
Hier bin ich:
Wir drehten uns alle um, da wir niemanden vor uns sahen, doch hinter
uns
sahen wir ebenfalls niemanden.
Wo bist du denn reizendes
GEWISSES ETWAS?
riefen wir alle
gleichzeitig.
Hier bin ich doch, antwortete uns dieselbe Stimme.
Und wieder drehten wir uns um, immer in der Erwartung, es
zu sehen, und konnten es doch nie entdecken.
Du sagst uns: hier bin ich, rief ich, und zeigst dich uns doch nicht.
- Dabei seht ihr nur mich, entgegnete es-.
Die unzählichen Grazieen, die unaufhörlich vor euren Augen
vorbeihuschen, die kommen und gehen, die alle so verschieden sind und doch liebenswert, von denen die einen
männlicher sind, die anderen zärtlicher, seht sie euch genau an, das bin ich, mich seht ihr da, immer wieder mich.
Ich bin in den Bildern, die ihr seht, in den Gegenständen aller Art, die euch erfreuen, in den angernehmen Orten,
die ihr ausucht, in allem was ihr hier seht und schlicht, ungekünstelt, ja sogasr unordentlich ist, verziert oder
nicht, in all dem bin ich, da zeige ich mich und mache seinen Charme aus. In der Erscheinung dieser Grazien bin
ich das Gewisse Etwas, das auf beide Geschlechter wirkt:Hier bin ich das Gewisse Etwas, das in der Malerei gefällt;
dort das Gewisse Etwas, das in der Architektur gefällt, im Mobiliar, in nicht einer eintzigen Form, ich habe
tausende, und keine einzige bestimmte: darum sieht man mich, ohne mich zu erkennen, ohne mich erfassen und
beschreiben zu können: man verleirt mich aus den Augen, wenn man mich sieht, man spürt mich und entdeckt mich
nicht; kurz, ihr nehmt mich wahr und sucht mich doch, und das wird niemals anders sein; darum werdet ihr nie müde,
mich zu sehen.
Über Stolz und Überheblichkeit